Für viele Bürgerinnen und Bürger ist die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr nach wie vor undurchsichtig. Wie viel Arbeit und Zeit allein der Ausbildungsdienst mit sich bringt, wissen die wenigsten. Im Interview mit unserem hauptverantwortlichen Ausbilder Oberbrandmeister Mario Schur-Stein wollen wir Einblicke hinter die Kulissen ermöglichen und aufzeigen, welch umfangreichen Weg die Kameradinnen und Kameraden einer Freiwilligen Feuerwehr bezüglich der Aus- und Weiterbildung absolvieren.


Frage: Mario, du bist als Oberbrandmeister hauptverantwortlich für die Ausbildung der Kameradinnen und Kameraden innerhalb der Feuerwehr Dessau-Süd. Ab welchem Alter darf man denn eigentlich an einer Ausbildung zum Feuerwehrmann/frau teilnehmen und was sind die ersten Schritte die jeder Anwärter zu durchlaufen hat?

Antwort: „Man kann grundsätzlich ab dem 17. Lebensjahr an einer Ausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr teilnehmen, es gibt allerdings Ausschlusskriterien z.B. für die Atemschutzausbildung und für die Sprechfunkausbildung, weil man hierfür u.a. 18 Jahre alt sein muss, da noch rechtliche Aspekte relevant sind, weil z.B. über den BOS-Funkverkehr Nachrichten weitergegeben und empfangen werden und sollte es da zu falschen Handlungen kommen, sind die rechtliche Folge zu berücksichtigen und deswegen gibt es Ausbildungsbestandteile erst ab dem 18. Lebensjahr. Die Teilnahme (angucken & zusehen) am regulären Diensten der Freiwilligen Feuerwehr kann man laut Landesbrandschutzgesetz aber grundsätzlich ab dem 17. Lebensjahr.“


Frage: Was müssen die Kameraden/in einer Freiwilligen Feuerwehr eigentlich alles können im Vergleich zu den Kollegen der Berufsfeuerwehr und gibt es überhaupt Unterschiede?

Antwort: „Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren müssen grundsätzlich dasselbe beherrschen wie die Kameraden der Berufsfeuerwehr. Es gibt keine inhaltlichen Unterschiede, denn es gibt ja auch keine Unterschiede bei den jeweiligen Einsätzen oder Szenarien. Man muss also immer dasselbe wissen und anwenden. Die Ausbildung ist natürlich bei der Freiwilligen Feuerwehr gesplittet, so dauert allein der Grundlehrgang mit all seinen Inhalten (z.B. Atemschutz, Sprechfunk,…) schon allein zwei bis drei Jahre, hinzu kommen individuell fachspezifische Ausbildungen welche sich wiederum über mehrere Jahre strecken. Wobei der Grundlehrgang bei der Berufsfeuerwehr zum Brandmeister vorerst sechs Monate dauert (allerdings am Stück). Die Grundausbildung für die Freiwilligen Feuerwehren findet auf kommunaler Ebene statt, die berufliche Ausbildung hingegen an der Landesfeuerwehrschule. Natürlich sind auch einzelne Lehrgänge bei der Berufsfeuerwehr identisch wie bei der Freiwilligen Feuerwehr (z.B. Drehleitermaschinist, Hubrettungsfahrzeuge,…). An sich gibt es aber keine grundsätzlichen Ausbildungsunterschiede (wenn man die Dauer nicht berücksichtigt), nur die wahrzunehmenden Aufgaben und Tätigkeiten sind dann im Nachgang ggf. unterschiedlich.„
 
 

Frage: Was müssen die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Dessau-Süd eigentlich überhaupt alles leisten (ggf. im Vergleich zu anderen Wehren der Stadt)?

Antwort: „Wir bei der Freiwilligen Feuerwehr Dessau-Süd sind fachspezifisch fast komplett über den gesamten Feuerwehrrahmen ausgebildet, von Brandbekämpfung bis hin zur technischen Hilfeleistung. Aber bis dahin sind alle Feuerwehren gleich. Nur wir in Süd haben als Freiwillige Feuerwehr noch eine erweiterte technische Hilfeleistung speziell für Verkehrsunfälle. Dann kommt der komplette ABC-Bereich (atomare, biologische und chemische Stoffe) hinzu – Abwehr, Dekontamination… Ebenfalls sind wir bei MANV-Einsätzen (Massenanfall von Verletzen) involviert und befördern ggf. Fahrzeuge der Berufsfeuerwehr. Wir haben eine spezielle Ausbildung für Bahn- und Zugunglücke und mit Ausnahme der Höhenrettung sowie dem Rettungsdienst zählt das alles zu unserm Aufgabenbereich. Das macht die Ausbildung bei uns auch so komplex, weil wir alle Themen pro Jahr durcharbeiten müssen.“


Frage: Wie muss man sich als Außenstehender die Aus.- und Fortbildung in einer Freiwilligen Feuerwehr wie z.B. in Dessau-Süd vorstellen, die neben der Brandbekämpfung so viele weitere Aufgaben erfüllen muss?

Antwort: „Die Ausbildung bei uns ist sehr komplex. Dabei müssen wir die Ausbildungsinhalte sowohl für Einsatzkräfte als auch für Führungskräfte separieren. Man muss immer versuchen jeden zu erreichen und das ist bei uns sehr anspruchsvoll. Im Zeitraum von zwei bis vier Dienststunden werden Ausbildungsinhalte vermittelt, die auf kommunalen Ebene bzw. der Landesfeuerwehrschule zum Teil in der vielfachen Zeit vermittelt werden. Und trotz des sehr engen Dienstplans wird nach Möglichkeit immer erst das theoretische Grundwissen vermittelt, bevor es zum praxisnahen Training geht um dann Schwerpunkte zu setzen.“


Frage: Kann man sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Dessau-Süd aussuchen, zu welchen Ausbildungen man gehen möchte, oder gibt es klare Regeln und Vorgaben?

Antwort: „Grundsätzlich nein! Wir können uns eigentlich gar nichts aussuchen. Es gibt die Vorgaben aus dem Gesetz mit mindestens 40 Ausbildungsstunden pro Jahr, die jeder Kamerad auch erreichen muss. Darüber hinaus ist es bei uns auf Grund des Einsatzspektrums fast unumgänglich, bei fast jeder Ausbildung anwesend zu sein. damit man ausreichend geschult ist. Allerdings reicht die Ausbildung auf Standortebene nicht aus, denn auch als Führungskraft muss man sich weiterbilden. Es ist aber in der heutigen Arbeitswelt oft schwer, die zahlreichen Ausbildungseinheiten zusätzlich zu Einsätzen oder anderen Feuerwehrveranstaltungen unter einen Hut zu bekommen. Aussuchen kann man sich aber nichts. Die Regeln und Vorgaben, was die Feuerwehren zu leisten haben kommen zum Teil von der Kommune (Stadt Dessau) – und dabei handelt es sich um verbindliche Vorgaben.“


Frage: Wer legt bei all den Ausbildungsthemen eigentlich fest, was den Kameradinnen und Kameraden vermittelt wird/werden muss und wer gestaltet z.B. den Ausbildungsdienstplan in der Feuerwehr Dessau-Süd ?

Antwort: „Die Ausbildungsthemen werden durch die Wehrleitung festgesetzt, wobei wir uns da immer an die Vorgaben orientieren, was haben wir an Technik haben und was wir zwingend an Inhalten vermitteln müssen. Wir haben Kernthemen und Sonderausbildungen, die wir meist acht bis neun Monate im Jahreskalender füllen. Dann kommen noch zusätzliche Themenkomplexe (z.B. Hochwasserschutz, Straßenbahnunfälle, …) die wir immer mal noch aufnehmen. Aber grundsätzlich verantwortlich ist dafür immer der Wehrleiter und sein Stellvertreter, die den Ausbildungsrahmenplan auch dem Amt für Brand-, Katastrophenschutz und Rettungsdienst vorlegen müssen.“


Frage: Wie oft findet in der Feuerwehr Dessau-Süd eine Ausbildung statt und was sind deine Ausbildungshighlights übers Jahr gesehen?

Antwort: „Zwischen zwei bis drei Ausbildungen pro Monat. Dabei dauert eine Ausbildung auch mal bis zu vier Zeitstunden. Wir kommen im Jahr ungefähr auf 120 Ausbildungsstunden. Highlights gibt es über das Jahr verteilt viele. Bei den praktischen Übungen z.B. die Atemschutznotfallübungen, Retten & Selbstretten oder das Arbeiten mit dem Hubsteiger der Berufsfeuerwehr. Aber am Ende sind wir als Ausbilder immer daran versucht, jede Ausbildung attraktiv für die Kameraden zu gestalten, wenngleich einzelne Themenkomplexe insbesondere in der Theorie weniger beliebt sind, so gehören sie einfach dazu und werden auch vorbehaltlos wahrgenommen. Wichtig zu sagen ist mir noch die Tatsache, dass die Mitgliedschaft in einer Freiwilligen Feuerwehr am Ende ein öffentlich-rechtliches Dienstverhältnis ist und jeder Kamerad der dieses Dienstverhältnis eingegangen ist, sollte auch nach seinen persönlichen Möglichkeiten dieser Pflicht nachkommen. Auch wenn es nicht immer leicht ist.„


Vielen Dank Mario!



Anmerkung: Natürlich gibt es auch andere Freiwillige Feuerwehren im Stadtgebiet, die mit Sonderaufgaben vertraut sind und ebenfalls ein umfangreiches Ausbildungsspektrum absolvieren. Die hier aufgeführte Darstellung bezieht sich vorrangig auf die Freiwillige Feuerwehr Dessau-Süd.